Aktuelles

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12. Juni 2020

Aus dem Fonds der Alnanieninitiative wurden vor kurzem 2000,- € an das Kolpingwerk Albanien überwiesen. Nun kam eine Mail an Lorenz Moos, mit einem herzlichen Dankeschön für diese Solidarität in der Corona Krise:


Die Mitarbeiter des Kolpinghotels ins Shkodra bedanken sich für die unerwartete Unterstützung in ihrer Arbeitslosigkeit während der Coronazeit.

Kinder aus 20 Familien erhielten durch finanzielle Mittel der Kolpingsfamilie Hövelhof Material zum Selbstlernen in der Coronazeit.

Mail von Kolping Abanien vom 09. Mai 2020

COVID-19 Situation in Shkodra 02. Mai 2020

Rundbrief von Schwester Christina 30. April 2020

Rundbrief von Schwester Christina zu COVID-19 vom 10. März 2020

09. Mai 2020

02. Mai 2020

COVID-19 Situation in Shkodra

30. April 2020

Rundbrief von Schwester Christina aus Albanien

Nebenschauplätze – oder doch zentral?

Liebe Schwestern und Brüder in der Heimat, liebe Freunde überall

Es ist Sonntag nach Ostern, der Sonntag der Barmherzigkeit, wie er heißen darf. Und ich denke, wie viele Facetten die Barmherzigkeit Gottes wohl hat in diesen Tagen? Und ich denke, wie viel Kreativität dieser Gott uns gibt, damit wir, ja wir, in dieser Krise das Erbarmen erfahren und weitergeben. Und ich frage mich, ob es mir das Herz und den Magen und das Gehirn umdreht und mobil macht, wenn ich an die Betroffenen der Krise denke und sie vor allem vor mir habe? Aber zuerst: wir hoffen, dass es Euch «drüben» einigermaßen gut geht, dass Ihr nicht erkrankt seid und mit Euren Lieben irgendwie den Kontakt halten könnt. Wir hoffen, dass Ihr die «Maßnahmen» unbeschadet überstehen dürft und ohne totalen «Koller» durchgehen könnt. Dafür bitten wir auch. Und wir beten, dass Gott der Allmächtige uns beherrschen darf, dass ER SEINE Gnade ausgießen darf über uns und nicht das Virus alles beherrscht, alle Gedanken, alle Handlungen und Regungen. Wir hoffen und beten, dass der Geist Gottes, der Geist des Lebens in unseren jetzt sehr geschlossenen Lebensräumen den Atem des Lebens und der Heiligkeit und der Achtung vor jeglichem Leben neu ausgießen darf. Und so wird das Virus und die Folgen nicht das letzte Wort haben. Und wir hier? Ich möchte ein wenig aus der letzten Woche berichten. Wir hatten ja wirklich alle am Beginn vom Februar eine schwere Grippe. Viele Mitarbeiterinnen waren, ebenso wie Abraham, zusätzlich von einer schweren, doppelseitigen Lungenentzündung betroffen. Diese Phase ist vorbei. Aber Shkoder hat nun etliche registrierte Corona-Patienten. Unser Wohn-gebiet in Kiras und Dobrac ist sozusagen ein «Coronanest» geworden. Wir halten Hygieneregeln ein; die hielten wir aber sowieso schon vorher, da wir immer auch infektiöse Patienten in der Ambulanz haben.

Uns beschäftigen hier mehr die «Nebenwirkungen» der Schutzmaßnahmen und der Isolation, der Schließung aller Institutionen und Geschäfte, der Fabriken usw. Seit Freitagnachmittag herrscht nun bis Montag früh absolute Ausgangssperre. Aber seit gestern gibt es Ausnahmen. Gestern durfte ich als Pensionistin (ab 60 Jahre) bis 11 Uhr mittags raus zum Luft schnappen. Heute dürfen nun Mütter mit Kids bis zu 10 Jahren auch so lange raus. So ein bisschen wie im Zoo. Schwester Michaela kam gestern an und meinte etwas ironisch: «Heute bist Du dran, aber alleine. Morgen kann ich ja dann mit dem Toni raus auf die Promenade.» Wir haben zum Luftschnappen unseren Garten und genießen jedes Blümle, das neu blüht. Sr. Michaela und ich haben eine Sondergenehmigung für Sozial- und Krankendienste. Das sieht dann so aus: Wir befinden uns auf den Nebenschauplätzen: Jeden Morgen (außer jetzt eben am Wochenende) fährt Sr. Michaela los mit ihrer Sondergenehmigung. Sie passiert Polizei- und Militärkontrollen inzwischen relativ unbehelligt. Sie kauft Unmengen von noch vorhandenen Lebensmitteln ein. Diese werden dann bei uns zu Carepaketen verpackt und dann wieder von Sr. Michaela an jene verteilt, die nicht aus den Häusern können. Die anderen Armen, die jetzt noch ärmer sind, stehen dann am Vormittag vor unserem Tor. Manche haben eine Gesichtsmaske, die meisten nicht. Wer Hunger hat, interessiert sich nicht für Schutz und kann vor allem keine Maske kaufen. Er braucht was zum Essen für die Kids. Zum Schutz davor, dass nicht etliche Familienmitglieder einzeln kommen, um mehr Pakete zu erhalten, müssen wir inzwischen die Identitätskarten verlangen. Oft kommt Sr. Michaela heim und erzählt, dass die Familien schon nichts mehr zum Essen hatten, bis von uns Nachschub kam. Und sie erzählen auch, dass die eingeschlossenen Kids jetzt viel mehr Hunger haben. Und auch unsere Kindergartenkinder haben keine Mittagsmahlzeit mehr, die sie im Kindergarten bekommen. Wie viele inzwischen ihre Arbeit in Fabriken, als Tagelöhner, in Kleinstgeschäften etc. verloren haben, das wissen wir nicht. Es sind bestimmt viele. Neben Lebensmitteln gehört zum Carepaket inzwischen auch Seife zum Händewaschen. Wir hoffen, dass das Wasser einigermaßen reicht, aber nicht alle haben Zugang. Dann ist da ein neues Phänomen, mit dem wir in der Krise wohl auch rechnen müssen: Panikreaktionen der Patienten. Es wurde eine junge, relativ schwer verbrannte Frau angemeldet. Sie kam mit ihrem Mann und musste einige Augenblicke im Korridor warten. Die junge Frau war «schwer» ausgerüstet: professioneller Mundschutz, Handschuhe und nochmal ein Tuch rum. Dann marschierte Ndua, ein älterer Patient, aus der Ambulanz und die junge Frau rastete aus. Sie weigerte sich, in die Ambulanz zu gehen und sich dort das todbringende Virus zu holen, wie sie sagte. Sie ging voll auf Angriff über und ich blieb mal in sicherem Abstand stehen. Sr. Michaela versuchte, sie zu beruhigen. Aber da wurde es ihrem Mann zu viel und er wollte sie mit Gewalt in die Ambulanz zerren. Er war nahe daran, sie einfach zu verhauen. Das konnte verhindert werden. Wir erklärten dann, dass wir sie nicht zwingen werden zur Behandlung. Und wir gaben ihr das Verbandmaterial und die Salbe mit, in der Hoffnung, dass sie heilen darf. Solche Panikreaktionen müssen wir einfach im Blickfeld haben in solchen Zeiten. Das war unsere Passage zum Lernen. Und solange keine(r) bewaffnet vor uns steht, ist alles in Ordnung. Dann ruft mich Sr. Rita an. Sie gehört einem ganz kleinen Konvent aus Italien an und ihre Schwestern und sie haben auch nichts mehr zum Essen, geschweige denn zum Verteilen an die Armen. Und sie bittet um einen Krankenbesuch bei einer noch recht jungen Frau, die mit Hirnblutung und Dekubitus unversorgt ist, da die Krankenschwester nicht mehr kommt aus Angst vor Corona. Diese Situationen haben wir jetzt sehr gehäuft. Ich packe alles ein, was mir so einfällt, um die Frau zu versorgen. Die 16-jährige Tochter der Patientin erwartet uns. Ricarda kümmert sich rührend um die Mama, aber sie hat Angst, weil sie eben jetzt alleine ist. Sose, die Mama, liegt sehr teilnahmslos im Bett. Damit sie ruhig bleibt, hat die Kranken-schwester für die Zeit ihrer Abwesenheit einfach Haloperidol dagelassen. Das hat dann die Katastrophe bei Sose ausgelöst. Und sie ist seit drei Wochen wund gelegen. Das Trinken hat nicht mehr geklappt und so ist sie auch noch ausgetrocknet. Ich weiß, wenn wir es nicht schaffen, dass sie trinkt, wird sie an Austrocknung sterben, ihr Organsystem versagen. Ich arbeite mich zu Sose vor, indem ich mich zu ihr ins Bett setze und sie an mich ziehe. Sie ist nur noch Haut und Knochen. Meine Schutzmaske hängt irgendwo an einem Ohr und ich muss komisch ausgeschaut haben. Jedenfalls hat Sose dann irgendwann nach viel Zuspruch und Wangenstreichen reagiert und die Augen aufgemacht. Die Tochter fing zu weinen an, weil sie meinte, die Mama sei schon tot. Ich sagte Sose, dass jetzt noch nicht die Zeit zum Sterben sei, erzählte ihr, dass ihre Tochter sie noch brauche und dass schließlich Ostern sei und sie noch nicht ins Grab könne jetzt. Als ich meine Bettpredigt beendet hatte, schlug sie nochmal die Augen auf und sagte glatt und trocken: «AMEN!» Nun fielen beinahe Sr. Rita und die Tochter in Ohnmacht. Dann gings weiter. Ich sagte: «Ein Glas Wasser bitte.» Ich sah einige Momente vorher, dass Sose wohl ihren Speichel geschluckt hatte, ein Zeichen, dass sie noch schlucken kann. Ricarda bekam Angst und sagte, ihre Mutter würde ersticken. Ich erklärte der Tochter ruhig, was ihr vorhatte und sie stimmte zu. Dann führte ich das Glas an den Mund und die Patienten schluckte und schluckte und trank das ganze Glas aus. Sie hatte Durst. Und dann lächelte sie. So erklärte ich dann Ricarda, wie sie ihre Mama versorgen könne und auch sie lächelte. Als ich dann Sr. Rita nach Hause fuhr, war da noch ein weiterer «Notfall», wie sie sagte. Vor ihrem Kloster kreuzte mit dem Radl ein älterer, magerer Mann auf. Sr. Rita erklärte mir, dass Gjon vor einigen Tagen aus dem Sanatorium entlassen wurde. Dort brauchen sie die Plätze wegen Corona und er mit seiner offenen Tuberkulose wurde mit einem Rezept heimgeschickt. Da stand er nun vor uns und hustete seine Tuberkel raus. Mundschutz, Handschuhe? Natürlich nichts dergleichen! Gjon hatte weder Geld seine Medikamente gegen die Tuberkulose zu kaufen noch eine Monete für Lebensmittel. Ich erklärte ihm, dass er unbedingt einen Mundschutz tragen müsse und zog ein paar unserer selbstgenähten aus der Tasche. Sr. Rita hat ihm dann noch Lebensmittel und etwas Früchte gekauft. Er hat offene Tuberkulose und wird bald das Blut husten, wenn er nicht Hilfe bekommt. Die Medikamente werden wir aus der Apotheke besorgen. Ich stellte mir dann vor, wie gerade die unsichtbaren Tuberkel von Gjon sich mit den Coronaviren treffen…und musste lachen. Und die gute Sr. Rita, meine Philosophenfreundin, fiel aus allen Wolken, als ich ihr erklärte, dass Tuberkelbazillen auch ansteckend sind und Gjon vermutlich an Tuberkulose sterben wird, wenn er weiter so abmagert und sein feuchter Wohnwagen ein Tuberkel-nest bleiben wird. Ob Corona für diesen Mann eine Rolle spielt, wollte dann die Schwester wissen. So häufen sich die Einzelfälle, die dem «Nebeneffekt» der Maßnahmen zum Opfer fallen. Da ist noch Katharina, die voller Krebsmetastasen ist. Keiner kommt mehr, das Krankenhaus hat verweigert, ihr das massive Bauchwasser ab zu punktieren – wegen Corona Gefahr. Keine Chance. Ich fahre zu ihr, bringe ein paar Erdbeeren, die sie noch essen kann. Sie spricht von ihrer Tochter, die in Italien festhängt. Letzte Gespräche – wir beide wissen es. Sie ist tief gläubig, ich bringe ihr die Hl. Kommunion. Und Schmerzmittel, denn die Tumorschmerzen sind unerträglich geworden. Aber sie erträgt alles. Sie wartet auf ihre Tochter. Und das Bauchwasser – nicht Corona – drückt ihr den Atem ab. Und dann ist da die nächste Krebskranke ohne Schmerzmittel. Die anderen kommen nicht mehr. So ist unser Gebiet nun um einiges erweitert. Wir denken nicht an den nächsten Tag, was wir heute tun können, tun wir, das Morgen hat seine eigene Sorge, steht schon irgendwie so geschrieben. Da sind dann auch noch unsere zwei Jungs. Der Antonio ist einfach ein Sonnyboy, aber auch er nimmt die Corona-Atmosphäre auf seine Weise wahr. So schlägt er vermehrt nach meiner Brille oder er macht einfach total Quatsch, wenn er essen soll. Abraham hatte einen Aus-raster, weil einfach an Ostern ein Ritual ausgefallen war. Er hat nur noch geheult und geheult, dann konnte er gut artikulieren, was ihn so beschäftigt: «Nicht das ausgefallene erste Eis an Ostern, nicht dass es unbedingt das Schoki-Osterei nicht gab, sondern einfach, dass das Gewohnte nicht mehr ist. Und keine Freunde, keine richtige Schule, alle nur mit Corona… und immer wieder nur Corona. Uns ist, durch unsere Kids, jeden Tag sehr klar, wie sehr es den Familien jetzt an den «Nerv» gehen kann, wenn zu allen Sorgen um Arbeits-plätze, um die Ernährung, die Angst vor der Erkrankung auch noch rebellierende, streitende und provozierende Kids und Jugendliche daheim eingesperrt sind. Das ist die Heraus-forderung, der wir uns auch als Klosterschwestern stellen und mit allen Familien hautnah teilen. Auch wir haben Nerven und es ist uns bewusst, dass wir uns hier in dieser Corona-Sondersituation ganz bewusst in der Hand haben müssen. Und wenn da ein provokanter Schmetterer kommt von einem Jungen, der ganz genau weiß, dass er zur Risikogruppe gehört, dann ist es umso nötiger, das «dahinter» auch mitzuhören. Geduld brauchen wir alle ein paar Kilo mehr. Und so können wir auch noch lachen, können miteinander die Zeit nutzen, eine Mühle spielen, in den Garten gehen und Sr. Michaela ist jeden Tag der Torwart und Abri knallt seine Bälle aus dem Rollstuhl, manchmal ein wenig aggressiver als sonst, ins Tor.

Ich möchte es nicht versäumen, Euch allen, die Ihr uns in diesen Zeiten mit Eurem Wohl-wollen, Eurer Solidarität,

Euren Spenden und Euren Gebeten begleitet, unser ganz tiefes DANKE zu sagen. Vergelt`s Gott.

Möge der Allmächtige Euch gesund bleiben lassen und uns alle in diesen Zeiten vor allem bewahren, was uns schaden mag.

Mit herzlichem Segengruß

Eure Sr. Christina mit allen hier im Klösterle

10. März 2020

Rundbrief von Schwester Christina aus Albanien zur allgemeinen, aber auch zu besonderen Situation rund um das Thema “Coronavirus (COVID-19)”

Wenn der Frühling durchbricht

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde

Vielleicht bin ich zu mutig, wenn ich den Frühling erwähne. Draußen im Garten blühen viele Osterglocken, die Veilchen, Gänseblümchen, Primeln, Hyazinthen. Dieses Jahr alles mit-einander. Die letzte Woche habe ich zu den Knospen fast sagen wollen: Bleibt noch ge-schlossen, es kommt schlimmes Wetter! Sie haben meinem Rat getrotzt und sich Sturm und Regen und sogar einmal dem Hagel ausgesetzt. Der Pflaumenbaum ist weiß wie Schnee von Blüten und die Bienen haben ihn gestern in zwei Sonnenstunden besucht. Es ist, als wüsste die Natur nichts von «Corona», der (die, das??) die Welt in Atem hält. Im Hymnus des Morgengebetes lese ich jetzt beim Sonnenaufgang: «Die Erde zu heilen, schuf Gott diese Tage.» Jeden Tag bekommen wir besorgte Anfragen aus der Heimat, wie es uns denn mit dem „K-Vi“ gehe, ob wir noch gesund seien, alles haben. Für diese Für-sorge danken wir sehr. Wie es uns damit geht? Ich sage manchmal für mich «Korönchen» zum neuen Weltbeherrscher. Ob er weiblich oder männlich ist, weiß ich nicht, lieber ein ES vielleicht?? Uns geht es gut. Laut den nicht mal 100 Tests, die hier gemacht wurden, hat Corona an den Grenzen Albaniens bislang Halt gemacht. Eine Grippe mit Halsweh, hohem Fieber, Glieder-schmerzen, trockenem Husten, Lungenentzündungen haben wir hier alle bereits mehr oder weniger überstanden. Abri hatte es am schwersten erwischt. Wir hatten und haben viele Patienten, die alle diese schwere Grippe haben. Ein paar Krankenhäuser fragten uns um Schutzmasken an; zum Schluss haben wir, aus Einmalwaschlappen mit tollem Material, Schutzmasken selbst genäht. Die stehen uns nun zur Verfügung. Die Fachleute hier haben folgende Gründe bekannt gegeben, weshalb Albanien (noch) „K-Vi“-frei ist: die starke Immunität der Menschen, da sie täglich mit Unmengen von Viren und Bakterien zu tun haben und/oder das Klima. Ob Korona es lieber warm oder kühl oder nass oder trocken mag, das ist offengeblieben. Uns beschäftigt mehr die Frage, warum die ganze Welt paralysiert ist und sich von einem kleinen Virus so in Angst und Schrecken ver-setzen lässt. Vielleicht haben wir es hier leichter. Wir haben eigentlich keine Zeit für Panik und Angst. Jeder Tag hat so viel an Lebensbedrohlichem, an Überlebenskampf, dass wir gelernt haben, im Bewusstsein zu leben, dass wir immer nur in die Hände Gottes fallen – egal was passiert und ist. Diese «Erdung» und gleichzeitig Vernetzung zum Allmächtigen lässt uns soweit gelassen bleiben. Und wenn dann offiziell Corona auftaucht, dann können wir hier eh nix machen, außer eben uns im Chaos durchwurschteln, wie wir es eh gewöhnt sind. Und wie dann die Versorgungslage sein wird, das wird sich zeigen. Die Menschen sind gewöhnt, dass sie nur Käse und Milch von der Kuh haben. Desinfektionsmittel haben sie nie gehabt, selbst Seife ist seit eh und je Luxusartikel für die Bevölkerung hier aus den Bergen. Und die Leute sagen uns, dass sie vor Corona keine Angst haben; sie haben schon mehr überstanden. Und so erzähle ich nun von der neu entstandenen Frauengruppe hier im Kloster. Lule und ihre Freundin waren dafür ausschlaggebend. Die Freundin, eine junge Mutter von drei Kindern, wurde von Lule schwer verbrannt in die Ambulanz gebracht. Beim Verbrennen von Müll ist etwas explodiert und die Stichflamme hat ihr Gesicht und beide Hände verbrannt. Als ich ihr Ruhe verordnete, weinte sie lautlos. Wieder mal spielte sich dasselbe Drama ab: Mütter können hier nicht einfach so mal krank sein und ausruhen. Es wird auch vom Umfeld nicht toleriert. Es stellte sich – wie schon so oft – heraus, dass diese Mutter völlig überfordert ist. Wenigstens schlägt sie ihr Mann nicht, aber der ist jeden Tag in der Stadt, um sich am Straßenrand als Tagelöhner zu verdingen. Manchmal hat er Glück, öfters kommt er völlig frustriert nach Hause. Hausarbeit jedoch lehnt er als Ehrbeleidigung ab. Wir kommen ins Gespräch. Lule kennen wir schon 14 Jahre. Damals wurde ihr Bruder wegen Blutrache er-schossen. Er war verheiratet und hatte drei kleine Mädchen, die Kleinste war 2 Monate alt. Die junge Mutter war damals gerade mal 21 Jahre alt und völlig mit der Situation über-fordert. Lule hat sich seitdem der Erziehung der drei Mädchen gewidmet; sie ist Lehrerin. Nun, wir reden und reden; die Verletzte hört auf zu zittern und lässt mal alles raus. Und am Ende der medizinischen Versorgung steht dann der erste Frauentreff im Kloster. Lule möchte alle ihre Freundinnen aus dem Wohngebiet drüben mitbringen. Letzte Woche war es dann soweit. Ich zweifelte glatt, dass sie kommen. Aber sie kamen. Erstmal vier Frauen zum Gucken, wie das so wird. Wir hatten den Tisch im Saal schön gedeckt und Kaffee und Kekse vorbereitet. Die Frauen sollten mal eine Stunde frei atmen können. Und das taten sie dann auch. Und sie fingen an, ihre Geschichten zu erzählen. Diese Geschichten wären es wert, in Bücher geschrieben zu sein. Es sind Geschichten von Frauen, die unglaubliches durchgemacht haben. Sie haben durch Blutrache, Verlust der Kinder, Gewalt, Hunger, Rechtlosigkeit und viel, viel Arbeit eine ungewöhnliche seelische Stärke entwickelt, keineswegs Härte. Was hat sie gehalten? Der Glaube, wie sie sagen, ein gewisser Humor der albanischen Berge, wo sie herkommen, sich nicht beugen vor Selbstmitleid. Ich erlebe in ihnen volle seelische Gesundheit, aber auch Ehrlichkeit, ehrliche Klage, ärgerliches Schimpfen, ehrliches Lachen, ein beherztes sich Einsetzen, und den gewissen Trotz der albanischen Frau: sie trotzen allem, weil sie letztlich für das Leben verantwortlich sind. Und sie lassen raus, dass sie in dunkelsten Stunden den Rosenkranz gebetet haben. Eine Bibel haben sie nie gelesen, über ihre Gottesbeziehung reflektieren sie nicht unbedingt, aber sie glauben, dass Gott ihr Leben in der Hand hält und ihnen das Leben aufgegeben hat. Das reicht ihnen. Und so gehen sie auch mit der Bedrohung durch Corona um. Dieses, die Welt beherrschende Virus, be-droht sie gar nicht. Sie staunen, als ich sie danach frage. Und sie lachen, als ich wissen möchte, ob sie davor denn keine Angst haben. «Nein, Schwester. Wir haben schon viel Schlimmes überstanden, zwei von uns hatten Cholera. Wir werden den auch schaffen und wenn nicht, dann ist es halt Zeit zum Sterben!» Ja, das sagen sie so. Ich denke, wo der Tod täglich wirklich so nah ist wie hier, da kann man so mit dem Leben umgehen. Und diese Frauen sind glücklich in diesen Stunden hier. Und Corona beherrscht diese zwei Stunden keineswegs. Ich lerne wieder mal intensiv von unseren Frauen und habe Hochachtung. Nach zwei Stunden gehen sie und Lule möchte in zwei Wochen weitere Frauen mitbringen. Mri sagt schmunzelnd: «Weißt Du, wir wollten erst mal gucken, wie das so ist hier. Jetzt kommen wir aber alle.» Ein kleiner Frühling im Lebenssommer! Mehr als Corona beschäftigt uns täglich die Situation der Alten und Pflegebedürftigen in den Häusern. Seit Wochen und Monaten kommen Angehörige von bettlägerigen Patienten mit Fotos von diesen. Wir sehen verfaulende Menschen. Sie sind unversorgt mit schweren Dekubiti. Wir können das nicht mehr beschreiben. Die Patienten sind wund gelegen bis auf die Knochen: Gesäß, Schultern, Fersen, Beckenknochen, alles, alles. Teilweise kommen sie so aus den Krankenhäusern zurück. Die Familien sind nicht vorbereitet, haben keine Pflege-mittel, keine Ahnung usw. Eine Frau und Mutter von zwei noch kleinen Söhnen haben drei alte Familienangehörige zu versorgen. Nun kam sie zu uns und bat um Hilfe. Was ich dann draußen sah, ist eigentlich unbeschreiblich: im ersten Stock liegt ihre Mutter. Sie hatte einen Beckenbruch, war einige Tage im Krankenhaus und kam völlig aufgelegen zurück. Das Bett ist eine Holzpritsche, die alte Frau hatte keine Schmerzmittel und die Wunden waren nicht verbunden. Sie stanken fürchterlich und die pflegende Familienmutter wusste nicht mehr weiter. Sie hatte ein paar Röcke zerrissen und rumgewickelt. In einem anderen Zimmer im Erdgeschoss liegen die Schwiegereltern. Die Schwiegermutter ist dement und macht Dinge, die gefährlich sind. Der Schwiegervater liegt auch auf einer Holzpritsche und ist seit fünf Jahren gelähmt. Ambulante Versorgung gibt es nicht. Wir haben nun wenigstens das Notwendigste eingeleitet und die Frau ist etwas entlastet. Finanziell ist diese Familie aber schon lange am Ende. Dies ist kein Einzelfall; jeden Tag kommen verzweifelte Bitten um Hausbesuche zu uns. Derweil sind wir in Planung für einen Kurs für pflegende Angehörige. Die schwere Grippewelle hat uns da aber eingebremst. Wir sind besorgt über diesen äußersten Pflegenotstand. Und Krankenschwestern, junge Arbeiter sowie Fachkräfte werden massiv vom Westen abgeworben. Das Land hier blutet aus, die Alten bleiben allein zurück. Ein soziales Netz dafür gibt es bislang nicht. Wir suchen nun nach gangbaren Möglichkeiten, denn wir können unsere Augen vor diesem bereits begonnenen Notstand nicht verschließen. Wir brauchen flächendeckende ambulante Versorgungsstrukturen. So fangen wir mal in der Frauenrunde damit an. Ich denke, diese Frauen sind fähig, sich um andere zu kümmern. Ganz einfach, ganz basal, kostet nix oder wenig. Es braucht nicht so viel. Dies ist jedenfalls mal unser nächster Schritt. So gehen wir durch die Fastenzeit und trauen der Führung des Allmächtigen und richten unseren Blick weniger auf «Korona», sondern in diesen Tagen auf den Herrn mit der Dornenkrone, der uns und die Schöpfung durch sein Leiden erlöst hat. Und wir hoffen und wünschen Euch allen den freien Blick durch diese Krisen- und Fastentage auf Ostern hin. Und wir danken für alle Gebete und alle Unterstützung und erbitten Euch den Segen Gottes.

Eure Sr. Christina mit Sr. Michaela